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MP3 Hörproben aus der CD

 





Aeran Oh
Jazz Poems
Althochdeutsche Minne,
Jazz & koreanische Tradition

Wie vermittelt man mittelhochdeutsche Minne an Korea
und koreanische Lyrik und Musik an den Westen?
Mit JazzStandards?

Audio-CD, ADD, 52 min.,
EAN 42 6000591 406 1, KuK 53, ISBN 3-930643-53-7

 







Drei Kontinente, drei Epochen - Minne, Swing und Koreanische Tradition.
Mit diesen Stichworten kann man unsere Einspielung “JazzPoems” ruhig beschreiben. Liebesgedichte des verehrten Walther von der Vogelweide, vertont von der Koreanerin Aeran Oh... - für ihre Landsleute fast schon anrüchig, was unser lieber Walther damals geschrieben hat. Dennoch, die Asiatische Mentalität besser zu verstehen kann auch Ihnen gelingen, wenn Sie empfinden, was zwischen den Zeilen steht.

"Es klingt derart abstrus, daß man´s kaum glauben mag: Da nimmt eine koreanische Studentin, zu Hause als Klassik- und Gospelsängerin wohlbekannt, mit deutschen Musikern eine Jazz-CD auf, bei der sie traditionelle Volkslieder aus ihrer Heimat und Texte des Minnesängers Walther von der Vogelweide zum swingen bringt - in koreanischer Sprache, versteht sich... Das Konzept des Verlegers Josef-Stefan Kindler macht Sinn, denn die Minnelieder sind auch heute noch für koreanische Verhältnisse fast pornographisch...” (Georg Spindler im Mannheimer Morgen)

Aeran Oh (Gesang, Kompos. & Texte) · Thomas Stabenow (Contrabass) · Jürgen Friedrich (Piano) · Dirik Schilgen (Schlagz.) · Stephan Zimmermann (Trp, Flgh.) · Jürgen Bothner (Sax)

 









Zur Produktion

Ziel des Projektes ist der Kulturaustausch, in dessen Mittelpunkt die Vermittlung kultureller Werte an die koreanische und europäische Bevölkerung steht.
Dabei ist die Form der literarischen Darstellung von Erotik, Beziehung und Rolle der Frau im geschichtlichen Kontext des Mittelalters thematischer Inhalt. Denn die koreanische Frau wird anders besungen als die deutsche jener Epoche. Die Texte Walthers von der Vogelweide sind im Gegensatz zu den Texten der koreanischen Tradition sehr freizügig, ja nahezu frivol.

Geschichtliche Situation
Während die wahre Rolle der Frau im Mittelalter weitgehend tabuisiert war (wir sprechen hier von Europa), war die Situation der Frau in Korea über Jahrhunderte durch die Tatsache des Suizids bei einer Form der sogar verbalen Entehrung bis ins Innerste innerhalb des Gesellschaftsgliedes der anerkannten, der ehrenhaften Frau, geprägt. Dahingehend ist eine grundlegende gesellschaftliche Diskrepanz innerhalb der internen Rolle der Frau nachzuweisen.
Praktisches Beispiel: während die koreanische Frau gemäss gesellschaftlich-religiösem Kodex sagt was sie denkt und auf eine direkte Ansprache angewiesen ist und eben auf eine Ansprache ebenso in direkter Weise zu reagieren hat, ist die europäische Frau dazu erzogen, nach aussen die Gesellschaftsform zu wahren und nach innen über indirekte Redensweise die Tabuisierung zu vollziehen und dennoch ein mit Einschränkungen seit jeher geprägtes freies Liebesleben zu praktizieren, solange es nicht an die Öffentlichkeit gelangt: “...wes er mit mir pflaege, niemer niemen bevinde daz, wan er und ich...” (Walther v.d. Vogelweide aus “Tandaradei”, Titel im Original “Unter der linden”) und im Gegensatz dazu der Text von “Han O Baek Nyeon” ( siehe Anhang).

Gesellschaftlicher Wandel
Während sich also der gesellschaftliche Wandel innerhalb der letzten hundert Jahre für die Rolle der europäischen Frau vollzogen hat, die Tabuisierung weitestgehend aufgehoben wurde und der Frau als gleichberechtigtes Mitglied eine Stellung innerhalb der Gesellschaft eingeräumt wird, ist die Befreiung der Frau in Korea eine grundsätzliche Frage der gesellschaftlichen Situation, d.h. die koreanische Frau kennt diese Auslebung ihrer eigenen Persönlichkeit gar nicht. Sie muss sie erst entfalten und entdecken. Dazu ist ein grundlegender Wandel in Korea, was die Rolle der Frau angeht, notwendig, während die Situation in Europa für die Rolle der Frau im privaten Stübchen, im Geheimen, schon längst vollzogen war und nur das Recht um die Anerkennung der Eigenständigkeit der Person aus dem Tabu gelöst werden musste. Dass dadurch auf Missverständnisse männlichen Verhaltens beider Kulturen zu schliessen ist, liegt auf der Hand.
Sollten diese Unterschiede bekannt und richtig gestellt werden, ist ein grundsätzlicher Gesprächskonsens und ein Austausch zwischen beiden Kulturen möglich, denn ein kultureller Wandel hat sich bislang innerhalb der Gesellschaft von Korea nicht vollzogen, da die eigentlichen gesellschaftlichen mentalen Werte nach wie vor vollzogen und erzogen werden, worüber auch der vordergründige Hang zum amerikanischen Materialismus in dieser Situation nicht hinwegtäuschen darf.

Konsequenz
Unseres Erachtens ist es daher Zeit, gerade anlässlich des Wechsels in eine neue Ära der menschlichen Geschichte, an der Schwelle ins Jahr 2000, jene Situationen innerhalb der Kulturen aufzugreifen, künstlerisch zu verarbeiten und transparent zu machen.

Zielsetzung
Aeran Oh hat beide Positionen adaptiert und sie sowohl kompositorisch als auch gesanglich konsequent umgesetzt. Diese Darstellung vermittelt die unterschiedliche Haltung und Entwicklung im Umgang mit Emotion und Konvention zweier Nationen durch die Jahrhunderte bis in die heutige Zeit und gewinnt somit ein Höchstmass an Authentizität.
Damit erklärt sich die im ersten Moment verwunderlich erscheinende Verknüpfung von traditionellen koreanischen Musiken und Texten mit westlichem Jazz und Texten der mittelhochdeutschen Minne nicht nur als logisch, sondern als zwingend notwendige Entwicklungsstufe eines multikulturell ausgerichteten Zeitgeistes im pluralistischen Sinne.









Auszüge aus den Liedtexten
(in Übersetzung)

Du Bist Min (Titel 1)
Walther v.d. Vogelweide (zugeordnet)
Du bist min, ich bin din.
des solt du gewis sin.
du bist beslozzen
in minem herzen, verlorn ist daz sluzzelin:
du muost ouch immer darinne sin.

Tandaradei (Titel 3)
Walther v.d. Vogelweide, Originaltitel “Unter der linden”
Unter der linden an der heide da unser zweier bette was
da mugent ir vinden schone beide gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal, tandaradei, schone sanc diu nahtegal.
Ich kam gegangen zuo der ouwe, do was min friedel komen e.
da wart ich enpfangen, here frouwe!
daz ich bin saelic iemer me.
kust er mich? wol tusentstunt.
tandaradei, seht wie rot mir ist der munt!
Do het er gemachet also riche von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet innecliche, kumt iemen an daz selbe pfat.
bi den rosen er wol mac, tandaradei, merken wa mirz houbet lac.
Daz er bi mir laege, wessez iemen (nu enwelle got!), so schamt ich mich.
wes er mit mir pflaege, niemer niemen bevinde daz, wan er und ich und ein kleinez vogellin,
tandaradei, daz mac wol getriuwe sin.

Arirang (Titel 9)
Anonymus
Arirang, Arirang, Arariyo, geh über den Arirang-Hügel
wo Ajugari und Kamelie ihre Blüten öffnen.
Warum machen Ajugari und Kamelie sich so schön und öffnen ihre Blüten?
Wen wollen sie verführen?
Die weissen und die roten Bohnen tragen keine Früchte aber Ajugari und Kamelie
Lass uns treffen, lass uns treffen, lass uns treffen unter der Laube aus Ajugari
Aus dem Koreanischen
Anmerkung: Ajugari ist der Rhizinusbaum, Kamelie heisst in Korea Dongbaeck

Chilgap-San (Titel 2)
(Der Berg Chilgap)
Wun-Pa Jo
jene Frau, die Unkraut im Bohnenfeld entfernt!
ihre Hanftuchjacke durchschwitzt sie.
Da sie über die grosse Traurigkeit weint, entfernt sie jeden Kopf von Kraut mit Tränen.
Am Hochzeitstag muss sie ihre Mutter allein zurücklassen.
Auf dem Bergrücken Chilgaps singen auch die Vögel weinend
und diese Gesänge klingen im tiefsten herzen der kleinen Tochter.

Aus dem Koreanischen
Han O Baek Nyeon (Titel 4)
(500 Jahre Groll)
Anonymus
Eine Textübersetzung wie bei Chilgap-San oder Arirang ist hier nicht möglich.
Der Inhalt:
Die Frau beklagt in diesem Lied ihr Schicksal darüber, dass sie jung verheiratet wurde,
was üblicherweise die endgültige Trennung von der Familie bedeutete.
Diese Trennung war so rigoros, dass die Frau oft Vater und Mutter
vor deren Tod garnicht mehr sehen konnte.
Sie bringt hier ihre Gefühle darüber zum Ausdruck, dass der Mann nach der Eheschliessung
direkt in den Krieg ziehen muss und dort umkommt.
Ehrenkodex und Konvention liessen eine neue Ehe für die Frau in Korea nicht zu,
auch aussereheliche Beziehungen waren angesichts eher dörflicher Lebensstrukturen nicht möglich.
Also beklagt die Frau diesen für ihr Leben mit grausamer Endgültigkeit versehenen Schicksalsschlag,
denn sie ist jung und fragt Gott, warum sie nun bis zum Ende ihres Lebens nicht mehr Frau sein darf
und allein bleiben muss.
Diese Frau ist nicht personifiziert, sondern ein Symbol für das Schicksal vieler koreanischer Frauen über Jahrhunderte. In Korea fanden in den letzten 2000 Jahren 937 Kriege statt, also durchschnittlich alle zwei Jahre ein neuer Krieg. Darüber und über die ständige Wiederkehr der gleichen ausweglosen Situation trägt diese Frau die Bitterkeit und den Groll von 500 Jahren (eine genaue Ursprungsdatierung dieses Textes ist nicht nachweisbar) in sich, die sie hier zum Ausdruck bringt.